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Kleines Paradies gleich neben der Hölle - Whakatane

Der Erzengel Gabriel hat bei der Vertreibung aus dem Paradies offenbar ein Auge zugedrückt. Anders lässt sich die Existenz der Region Whakatane auf der neuseeländischen Nordinsel kaum erklären. Der üppig grüne Landstrich an der Bay of Plenty, der Bucht des Überflusses, gehört zu den sonnenreichsten Plätzen der Welt. Süße, verführerische Früchte gedeihen hier in Hülle und Fülle. Die artenreichen Tauchgründe vor der Küste verlocken ebenso zum Abenteuer wie die unberührten Urwälder des Hinterlandes, und auf Sonnenanbeter warten schneeweiße Sandstrände. Aber wie zur Erinnerung an den Sündenfall ist dieser Garten Eden von Höllenfeuern umringt: Mitten in der Bay of Plenty dampft und bro-delt Whakarri, Neuseelands aktivster Vulkan. Und nur eine Stunde von Whakatane entfernt, im Thermalgebiet „Hell’s Gate“, dem „Höllentor“, öffnet sich ein Zugang zu den feurigen Kräften der Unterwelt.

Traditionelle Kampfgruppe der Maori (Foto: Tourism New Zealand)
Traditionelle Kampfgruppe der Maori (Foto: Tourism New Zealand)
Den Tipp, nach Whakatane zu fahren, hat uns ein Freund aus Auckland gegeben. Wenn wir einsame Sandstrände, Abenteuer in unberührter Natur, einen Blick in den Schlund der Erde erleben wollten, dann sollten wir unbedingt den Osten der Bay of Plenty ansteuern. Außerdem seien hier einige spannende Kapitel der neuseeländischen Geschichte geschrieben worden. Also, nichts wie los: Schon die Fahrt von Auckland aus über den Pacific Coast Highway, an der Nordostküste Neuseelands entlang, überzeugt uns, dass der Tipp goldrichtig war: Linker Hand schimmert tiefblau der Pazifik, gesäumt von endlosen, weißen Stränden, rechter Hand erfreuen Zitronenhaine, Kiwiplantagen, Obstfelder und Wälder das Auge mit leuchtenden Farben. Nach etwas mehr als 300 Kilometern in Rich-tung Südosten liegt Whakatane vor uns: Das Hafenstädtchen schmiegt sich an eine sanft geschwungene Landzunge, die die klei-ne Bucht Ohiwa Harbour fast vom Meer abschneidet.

Mit rund 14.000 Einwohnern ist Whakatane der größte Ort und das wirtschaftliche Zentrum der östlichen Bay of Plenty. Hier herrscht angenehm wenig Verkehr und maritime Gelassenheit. „Sonne ist so eine Art Gewohnheit bei uns“, erklärt der Wirt einer Strand-Bar und verweist stolz auf einen Rekord Whakatanes: Mit über 2.000 Sonnenscheinstunden im Jahr gehört die Stadt zu den drei sonnigsten in Neuseeland. Das will natürlich genutzt sein, und Gelegenheit dazu bietet die größte Attraktion der Stadt: der mehr als 11 Kilometer lange, traumhafte Sandstrand von Ohope Beach. Die schmale Land-zunge lockt Sonnenanbeter und Wassersportler gleichermaßen an. Und auch wir lassen unseren ersten Tag in Whakatane mit einem ausgiebigen Sonnenbad enden.Zunächst erkunden wir die Stadt und ihre Umgebung. Das Mündungsgebiet des Whakantane River gehört zu den ältesten Sied-lungsplätzen der Maori, der polynesischen Ureinwohner Neuseelands. Schon Mitte des 12. Jahrhunderts bauten die Maori hier Fes-tungen, so genannte Pas – 500 Jahre bevor die ersten Pakeha, die Europäer, Neuseelands Boden betraten. Toi Pa, die wahrscheinlich älteste Maori-Festung Neuseelands, thront auf dem bewaldeten Höhenrücken zwischen der Stadt und Ohope Beach.

Zentrum der Maori-Kultur in Whakatane ist der Pohaturoa Rock, eine markante Felsnase mitten im Stadtgebiet. Sie ist für die Maori ein heiliger Ort, an dem sie sich früher zu rituellen Feiern trafen. Heute umgibt den Felsen ein kleiner Park, in dem unter anderem ein kunstvoll geschnitztes Kriegskanu der Maori zu bewundern ist. Am Pohaturoa beginnen mehrere Wanderwege durch die Geschichte Whakatanes. Einer der schönsten führt den Höhenrücken hinauf zum Toi Pa durch dichten, üppigen Wald, vorbei an den Wairere Wasserfällen. An der höchsten Stelle, am Kohi Point, liegt uns das ganze Paradies zu Füßen: die weißen Strände, die grünen Urwälder des Hinterlandes, die blaue Bay of Plenty mit ihren Inseln, und am Horizont grüßt die graue Rauchsäule von Whakarri.

Das erinnert uns daran, dass wir schon immer einmal einen Tanz auf dem Vulkan wagen wollten. Also nehmen wir an einem Ausflug per Hubschrauber zum 50 Kilometer entfernten Whakarri teil. Aus unserer fliegenden Glaskuppel blicken wir tief in den Schlund der Erde. Aus zahllosen Ritzen und Spalten der graublauen Felsen quillt dichter Dampf hervor. Wer auf der Insel landet, sieht sich in eine wahre Mondlandschaft versetzt. Unser Führer bringt uns in einer zweistündigen Wanderung bis zum Rand des größten Kraters. In 300 Metern Tiefe, zwischen Dampf und Rauchschwaden, machen wir einen See aus heißem Schlamm aus; 600 bis 800 Grad Celsius herrschen in diesem Höllenloch. Denn darunter, weit unter dem Meeresspiegel, kocht eine riesige Blase aus glühendem Magma.Der Krater öffnet sich im Südosten fast auf Meeresniveau. Hier, auf dem ebenen Teil der Insel, erkunden wir die etwas gespenstischen Ruinen einer Schwefelmine, die 1934 nach mehreren Vulkanausbrüchen aufgegeben wurde. In dieser unwirklichen Kulisse wirkt die Insel noch einsamer als sie in Wirklichkeit ist. Denn auf dem feurigen Eiland sind viele seltene Vögel zu Hause. Auch die Klippen und Riffe rund um die Insel sind von vielerlei Meeresgetier bevölkert und laden Taucher zu Entdeckungen ein.

Auf dem Rückflug macht uns der Pilot auf dunkle Silhouetten im Ozean aufmerksam, die wie flinke Schatten dicht unter der Wasseroberfläche dahinfliegen: Delphine. Damit steht das Ziel für den nächsten Tag fest. In Whakatane buchen wir einen Bootstrip zu den sanften Meeressäugern. Gewappnet mit Neoprenanzügen, Schwimmflossen und Schnorcheln treten wir die dreistündige Fahrt hinaus in die Bay of Plenty an. Schon kurz nach dem Start umringt eine Gruppe Delphine unser Boot. Vorsichtig gleiten wir ins Wasser, und unsere Vettern aus dem Meer akzeptieren uns gleich als Spielkameraden. Allein für diesen Moment des Glücks hat sich schon die ganze Reise nach Neuseeland gelohnt. „In dieser Gegend lassen sich auch öfter einmal Wale blicken“, erklärt die Bootsführerin. „Bei denen empfiehlt sich allerdings respektvolle Distanz.“

Wer Lust am nassen Element hat, kann diese auch auf dem Festland austoben - etwa bei einer Wildwasserfahrt auf einem der zahlreichen Flüsse der Region Whakatane. Whitewater-Rafting-Touren lassen sich in den unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden buchen - vom sanften, zweistündigen Familienausflug bis zum 4-Tages-Trip für Paddel-Profis. Der wildeste und unberührteste Fluss der Gegend ist der Motu River, rund 100 Kilometer östlich von Whakatane. Die Anreise von der Stadt zu dem entlegenen Gebirgsfluss - per Helikopter oder Geländewagen - ist in den meisten Tour-Angeboten enthalten.Wir aber entschließen uns nach den Aktivitäten der letzten Tage zu einem Ausflug in die Geschichte. Rund 60 Kilometer östlich von Whakatane liegt das Städtchen Opotiki, ein Zentrum der Maori-Kultur. Hier stoßen wir unerwartet auch auf deutsche Spuren. Denn der friedliche Badeort hütet in der Holzkirche St. Stephen the Martyr eine schaurige Sehenswürdigkeit: die blutgetränkte Bibel des deutschen Missionars Carl Sylvius Volkner. Der Gründer der Kirche fiel 1865 - während der Landkriege zwischen Briten und Maori - Anhängern der radikalen Hauhau-Sekte zum Opfer.Nach dieser gruseligen Geschichtslektion sehnen wir uns wieder nach Mutter Natur: Südlich von Whakatane wollen wir das zerklüftete Bergland des Urewera Nationalparks erwandern. Mit 200.000 Hektar ist der Urewera Nationalpark der drittgrößte Neuseelands, und er schützt den größten zusammenhängenden Urwald der Nordinsel. Der Regenwald reicht bis auf die Gipfel der Berge hinauf. Man kann tagelang unterwegs sein, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Mehrere Pfade führen über Berge durch tief eingeschnittene Schluchten und dampfende Urwälder, vorbei an schäumenden Was-serfällen und stillen Seen. Kurze Wanderungen sind hier ebenso möglich wie mehrtägige Touren mit Maori-Führern. Sie vermitteln dabei nicht nur wertvolles Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt, sondern erzählen auch vom legendären Stamm der Tuhoe, den „Kindern des Nebels“, denen einst das ganze Gebiet gehörte.

Bevor wir das Land um Whakatane verlassen, machen wir noch seiner Ahnenfrau die Aufwartung. Die Dame steht einsam auf einem kleinen Felskegel am Eingang zu Whakatane Harbour und streckt graziös ihre bronzene Nase in den Seewind. Die Statue erinnert an die Häuptlingstochter Wairaka, ohne die es heute vermutlich keine Maori hier gäbe. Denn als deren Vorfahren vor Urzeiten an der Küste der Bay of Plenty landeten, gingen die Männer zunächst allein an Land, als ein plötzlich aufkommender Wind das Kanu mit den Frauen wieder aufs Meer hinaustrieb. Für weibliche Maori aber war es ein strenges religiöses Tabu, ein Ruder auch nur zu berühren. Angesichts der Gefahr setzte sich Wairaka jedoch mutig darüber hinweg. Mit dem Ausruf „Ka Whakatane Au i Ah au – Ich werde handeln wie ein Mann“ ergriff sie ein Ruder, steuerte das Boot wohlbehalten zur Küste und sicherte so die Nachkommenschaft der Maori – und die Gegend hatte ihren Namen weg. Wie sie so dasteht, schlank und hochgereckt auf ihrem Felsen, erinnert die Statue von Wairaka an einen Engel, der das Tor zum Paradies bewacht.

Quelle: Tourism New Zealand / bearbeitet von pairola-media

 
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